Zertifikate, Diplome, Atteste, Anwesenheitsbestätigungen - Papier ersetzt Verstand!
- Brain Buster

- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Wir leben heute in einer Welt, in der man scheinbar für alles einen Eignungstest, ein Diplom oder ein Zertifikat braucht resp. will. Die Liste ist lang und zuweilen absurd! Bäng!
☑️ Du bist zertifizierter «Agile Mindest Absolvent» nach einer 90-Minuten-PowerPoint-Präsentation – und malst danach weiter PowerPoint-Slides für deinen Chef. Aber die malst du jetzt agiler als je zuvor! Wetten (nicht)?
☑️Du brauchst ein Assessment Center für ein Praktikum ohne Bezahlung. Ganz wichtig
☑️Du bekommst ein Achtsamkeits-Coach-Zertifikat nach einem 3-Tage-Crashkurs. Achtsamkeit auf Speed, sozusagen. Extrem glaubwürdig!
☑️Sehtest fürs Autofahren, aber im Netz mit geistiger Blindheit in Highspeed unterwegs. Scharf sehen und trotzdem blind!
☑️Nothelfer-Kurse, um im Ernstfall Leben zu retten – und online täglich emotionale Brandherde legen. Ist ja nur online und nicht echt!
☑️Hygienezeugnis, das sicherstellt, dass du Brötchen anfassen darfst – aber keine Prüfung gegen das Verbreiten von Bullshit online. Nur weil's nicht stinkt heisst das noch lange nicht, dass es kein Sch**ss ist!
☑️Datenschutzzertifizierter Supermitarbeiter, der alle seine privaten Infos online unbedacht weitergibt und freiwillig alles postet und dann glaubt der Staat wolle ihn überwachen. Lach mich tot!
☑️Staplerschein für schwere Geräte – aber Meinungen durch die Gegend schleudern kann jeder Depp. Leider! Macht er dann auch!
☑️Du bestehst ein psychometrisches Recruiting-Assessment, in dem dir ein Algorithmus sagt, ob du „kulturell passt“. Fragen?
☑️Du nimmst dein Resilienz-Workshop-Diplom entgegen, fotografierst es und stellst es online – um danach direkt wieder in der Dopamin-Stressfalle zu laden. Grossartig! Hauptsache immer schön in die Füsse atmen!
Wenn es für jeden Sch**ss einen Eignungstest braucht/gibt aber nicht für die eine Sache, die wir täglich stundenlang tun, die uns und anderen mehr Schaden zufügen kann, als wir uns je ausmalen konnten, dann stimmt etwas gewaltig nicht!
Unzertifiziert darfst du täglich stundenlang:
➡️Surfen im Internet
➡️Kommentieren in Social Media
➡️Wissen an Google auslagern
➡️Denken an KI auslagern
➡️Kuratieren deiner eigenen Verblödungsschlaufe (Echokammer/Filterblase)
➡️Dopamin konsumieren im Minutentakt
➡️Fake News verbreiten
➡️Menschen beleidigen und dank Musk sie auch ausziehen
ALLES WAS DU BRAUCHST IST: WLAN 🔥 the faster the better!
Ich habe auch ein Diplom. Schon seit 2015 habe ich einen Dr. h.c. (Doctor honoris causa) – Ehrendoktortitel, für alle Nichtlateiner!

«Der Ehrendoktortitel ehrt Personen für herausragende akademische, wissenschaftliche, gesellschaftliche oder kulturelle Verdienste, ohne dass ein formelles Promotionsstudium oder eine Dissertation absolviert werden muss. Er drückt hohen Respekt aus.»
So heisst es in der offiziellen Definition. Die Realität kann ganz anders aussehen, wie meine Geschichte zeigt.
Wie ist es dazu gekommen?
Nun ihr habt es vielleicht schon bemerkt - ich liebe Zertifikate, Diplome, Atteste, Teilnahmebescheinigungen und Assessments. Ich habe neben dem Ehrendoktor auch den Nothelferausweis, das Seepferdli im 100m Nichtersaufen, eine Teilnahmebescheinigung «10 Minuten Waldatmen für Grossstädter», einen Gönnerausweis der Rega und ein Untauglichkeitsattest fürs Militär. Jetzt Applaus bitte!
Sarkasmus beiseite. Wie bin ich zu diesem Titel gekommen? Alles, was es brauchte, waren EUR 100.
Die wahre Geschichte: Frustriert und enttäuscht über die sinkenden Anforderungen gewisser Weiterbildungsinstitute und die immer schlechter werdenden Diplomarbeiten, Masterthesen und Bachelorarbeiten, die ich über 10 Jahren begleiten und bewerten durfte, hatten mich im Jahr 2015 dazu bewogen ein Statement zu setzen. Ich müsse bessere Noten geben und «ungenügend» ginge gar nicht, hiess es seitens der Institute immer wieder (er/sie hat ja dafür bezahlt). Ich weigerte mich. Nach einem weiteren solchen Telefonat hatte ich genug. Bevor meine Büro-Kollegen/innen in den Lunch verdufteten, habe ich angekündigt, dass ich Doktor sein werde, wenn sie zurückkommen. So war es dann auch. Um 13.30 Uhr hatten sie volle Bäuche und ich die Bestätigung, dass ich den Titel bekommen würde. 4 Wochen später kam ein Paket mit Urkunde, Begleitschreiben und einem lausigen Bilderrahmen. Alles, was es dazu brauchte, war die Einzahlung von EUR 100.
Das Diplom hängt heute in unserem Institut an bester Lage - im Klo! Unüberschaubar aus der Sitzposition. Nicht zu Profilierungszwecken, sondern als Mahnmal!

Papier ersetzt Verstand! Wissen erodiert! Anforderungen schmelzen! «sur dossier»-Entscheide werden zur Regel, anstatt Ausnahme zu bleiben! Weiterbildungsangebote werden zu Business Cases, die rentieren müssen! Masterarbeiten zeigen nur noch, wie gut gepromptet und nicht, ob etwas verstanden wurde! Am Skirennen am Ende der Skischule kriegen alle Kids eine Medaille – nur weil wir das Geheule und den Frust nicht mehr ertragen!
Belohnen wir jetzt Mühen/Einsatz oder Resultate/Leistung? Schlimmer: Wir belohnen bereits blosse Anwesenheit. Seit wann gibt es BeLOHNung fürs Anwesend sein? Stimmt – Lohn gibt’s ja zuweilen auch für blosse Anwesenheit. Kein Wunder diskutieren wir das bedingungslose Grundeinkommen.
Bildung ist nicht nur unsere grösste Ressource in der Schweiz, sondern auch (fast) die einzige. Sie ist Basis für unseren Wohlstand, unsere Wettbewerbsfähigkeit, unsere Innovation und unsere technologische und gesellschaftliche Vorreiterrolle.
MAKE BRAIN GREAT AGAIN!



Kommentare